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DAVOS FESTIVAL

Foto © Dominik Borggreve

Auszug aus dem Gespräch von Alain Claude Sulzer mit Festival Intendant Oliver Schnyder. (Das ganze Interview ist im Magazin 01 | Winter 2018/19 erschienen.)

Oliver Schnyder ist der Intendant des DAVOS FESTIVAL 2019. Was haben wir von ihm zu erwarten? Schnyder, ein Mann, dem man nachsagt, ein Gespür für andere Menschen zu haben, gibt Auskunft.

Dieses Jahr bist du Intendant des DAVOS FESTIVAL. Die Arbeit hat für dich aber schon vor Monaten begonnen. Wie fühlst du dich? 

In der Saison 2017/18 habe ich zum ersten Mal Beethovens Hammerklaviersonate sowie Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 im Konzert gespielt. Das Lernen solch schwieriger Partituren bedeutet ein emotionelles Wechselbad zwischen freudiger Zuversicht und nagenden Selbstzweifeln. Meine Gefühle im Hinblick auf Davos sind sicher vergleichbar. Das Festival ist wie ein neu zu lernendes Repertoirewerk, das am Tag X sitzen muss. Aber mit der Angst vor der eigenen Courage weiss ich umzugehen.

Wie oft hast du schon von Davos geträumt?

Bis jetzt noch nicht! Ob es wohl einen archetypischen Intendanten-Albtraum gibt? Die Pianisten träumen jedenfalls alle von denselben Horrorszenarien …

Was können erfahrene Musiker, wie sie in 2019 in Davos vermehrt auftreten werden, jungen Musikerinnen und Musikern beibringen?

Ich selber habe am meisten von meinen Kammermusik­partnern gelernt. Ich hoffe, unsere Musiker empfinden das ähnlich. Beim gemeinsamen Musizieren stossen wir in einen Tiefenbereich des menschlichen Austauschs vor. Es liegt also in der Natur der Sache, dass ein wertvoller Erfahrungs- und Wissenstransfer stattfindet, der Entscheidendes bewirken kann, für die jungen Musiker – und für die Mentoren!

Wie lange gilt man als Young Artist? Mit anderen Worten: Wann wird man zum alten Hasen?

Gute Frage! Wie vermeide ich hier das Fettnäpfchen? Die Musiker, die bei uns auftreten, zeigen alle enorm viel Idealismus, sie halten den nunmehr 33-jährigen Davoser Festivalgeist am Leben. Ob sie jetzt älter oder jünger sind als unser Festival selber: Ihre Jugendlichkeit haben sich alle bewahrt, unabhängig davon, was in ihren Lebensläufen steht.

Oder dann denken wir an Johannes Brahms, der gegen Ende seines Lebens sein frühes H-Dur-Klaviertrio mit der Schere zensiert.


Das Festivalthema lautet «Einschnitt» – ein ambivalentes Wort. Obwohl hinter dem Ereignis etwas durchaus Dramatisches, Negatives stecken kann, ist das Resultat oft positiv zu verstehen – und umgekehrt.

Ja, oft auch beides gleichzeitig. Man denke an Schubert und seine berühmten Dur-Einschnitte, die so himmlisch und gleichsam so entsetzlich sein können in der Verheissung des allerletzten Einschnitts. Der Erlkönig wirbt in Dur um das todgeweihte Kind. Oder dann denken wir an Johannes Brahms, der gegen Ende seines Lebens sein frühes H-Dur-Klaviertrio mit der Schere zensiert. Der letzte, abgebrochene Ton der Kunst der Fuge, über der Bach gestorben sein soll!

Was wird dein Einschnitt in Davos sein? Oder sollte man besser von Zielen sprechen? 

Ja, doch eher von Zielen – Einschnitt klingt in diesem Zusammenhang etwas bedrohlich, denn es gilt, mit grösstmöglicher Umsicht zu bewahren, was an diesem Festival so natürlich gewachsen ist und uns definiert. Meine Ideen zielen auf einen verstärkten Erfahrungsaustausch zwischen den Musikern, einen noch profilierteren Diskurs, auch unter verstärkter Einbindung unseres Publikums.

Man muss über Musik also auch sprechen?

Aber ja. Was bringen menschliche Erfahrungen, wenn sie nicht geteilt werden sollen? Wir müssen generell mehr sprechen miteinander – auch über Musik.

Wie könnte diese Publikumseinbindung aussehen? 

Sämtliche Proben sind für unser Publikum zugänglich. Wir planen Podiumsgespräche mit den Musikern und unserer Autorin-in-Residence Eva Gesine Baur, die eine eminente Musikkennerin ist. Das Publikum ist herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen. Gehörtes soll resümiert und zu Erwartendes in lockeren Konzerteinführungsgesprächen angesprochen, lustvoll erklärt und mit vielen süffigen Details unterfüttert werden.

Das bedeutet wohl auch, dass die «Arrivierten» von den noch zu fördernden jungen Musikerinnen und Musikern lernen?

Unbedingt!

Was erwartest du von einem jungen Musiker, wenn er nach Davos kommt?

Vor allem einen neugierigen, offenen Geist.

Und was denkst du, was sie vom Intendanten Oliver Schnyder erwarten? 

Sie möchten sich von mir getragen fühlen, dass ich für sie da bin, sie unterstütze, ihnen helfe, so gut ich kann. Und dass sie sich so vor unserem Publikum in ihrem besten Licht zeigen können.