e

DAVOS FESTIVAL

Foto © Severin Koller

Auszug aus dem Gespräch von Alain Claude Sulzer mit Lia Pale. (Das ganze Interview ist im Magazin 01 | Winter 2018/19 erschienen.)

Lia Pale tritt nicht zum ersten Mal mit einem Pianisten auf. Diesmal – eine Weltpremiere! – ist ihr Partner nicht der Jazzpianist Matthias Rüegg, sondern der „klassische“ Pianist Oliver Schnyder. Mit dem Jazzer Rüegg hat sie Lieder von Schumann Gesungen, mit dem Klassiker Schnyder singt sie aus dem American Songbook.

«Ich bin Lia. Sängerin. Schubert Interpretin. Schumann Interpretin », schreibt Lia Pale auf ihrer Homepage. «Ich singe klassische Kunstlieder als Songs, weil ich an eine Freiheit der Interpretation glaube und mir die Frage gefällt, wie die Winterreise wohl geklungen hätte, wenn Sinatra sie gesungen hätte, weil es mir so vorkommt, als ob Glenn Gould Jazzpianist gewesen wäre, wenn ich seine Goldberg Variationen höre.»

Nun, wenn Operndiven mit der grössten Selbstverständlichkeit Songs von Gershwin interpretieren, warum sollten sich dann Jazzsängerinnen beim klassischen deutschen Repertoire zurückhalten? Bei Licht betrachtet ist der Unterschied zwischen Gershwins Summertime und Schumanns Mondnacht viel kleiner als der zwischen einer Oper und einem Streichquartett.

Wie wird man Jazzsängerin?

Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher … vielleicht indem man Jazz liebt und singt – sich dessen Vokabular und Repertoire widmet. Ich bin mir deshalb auch gar nicht sicher, ob ich wirklich eine Jazzsängerin bin, da ich ja bis jetzt hauptsächlich Lieder aus dem European Song Book und nicht aus dem Great American Song Book gesungen habe. Ist man auch dann Jazzsängerin, wenn man hauptsächlich Schubert, Schumann und Brahms singt?

Gute Frage. Wie siehst du dich selbst?

Wenn ich das wüsste … das Einordnen, die Entscheidung, welche Art von Sängerin ich bin, überlasse ich den Zuhörern.

Sängerin war nicht dein „erster“ Beruf, du bist zunächst als Flötistin aufgetreten. Wie kamst du zum Singen?

Schon als Kind hab ich davon geträumt, Sängerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, inklusive Training mit Haarbürste als Mikro vor dem Badezimmerspiegel. Mit acht Jahren dann fing ich an, Querflöte und Klavier an der Musikschule in Wels zu lernen – und mochte beides sehr. Das Singen war zwar immer in meinem Kopf, bis ich mich aber getraut habe, meinen Wunsch nach aussen zu tragen, hat es etwas gedauert – bis ich sechzehn war. Ich ging auf ein Musikgymnasium, und meine Zeit dort empfinde ich nach wie vor als wegweisend. Dort habe ich zu singen begonnen, meine ersten Gesangsstunden erlebt und erfahren, dass man Gesang auch studieren kann und dass Musikerin/Sängerin zum Beruf werden kann … dafür bin ich sehr dankbar.


Schon als Kind habe ich davon geträumt, Sängerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, inklusive Training mit Haarbürste als Mikro vor dem Badezimmerspiegel.

Lia Pale


Wenn man sich dein bisheriges Repertoire anschaut, scheint dich bisher v.a. das klassische deutsche Lied interessiert zu haben. Mit Oliver Schnyder singst du nun amerikanische Standards. Man könnte sagen: Die Sängerin kehrt zu ihrem Ursprung zurück, während der Pianist in unbekannte Regionen vordringt. Was ist anders, mit einem klassischen Pianisten zu spielen, und mit Mathias Rüegg, der dich sonst meist begleitet und bekanntlich vom Jazz kommt?

Das stimmt, und ich freue mich riesig darüber! Es sind bei dem Programm mit dem grossartigen Oliver Schnyder Standards dabei, die ich das erste Mal vor zehn Jahren, also ganz am Anfang meines Studiums gesungen habe, wie etwa Someday My Prince Will Come oder Angel Eyes. Mathias Rüegg hat diese Songs für Oliver und mich quasi massgeschneidert.

Und wie ist das?

Ich hätte nie gedacht, dass es so anders ist mit einem «klassischen Pianisten» zu spielen. Die Unterschiede sind grösser als ich erwartet hatte, und gerade deshalb ist es so spannend und inspirierend. Zum Beispiel der Umgang mit Rhythmik und Phrasierung, ich lerne so viel Neues! Ah, und dass bei den Proben nicht eingezählt, sondern «eingeschnauft» wird.

Obwohl du und Oliver beim Neujahrskonzert in Davos amerikanische Standards singt – das also, was man den Fundus des amerikanischen «Liedguts» nennen könnte – hier die Frage zu deinem bisherigen Kernrepertoire: Woher deine offenkundige Liebe zum deutschen Lied? Du hast inzwischen mit Mathias Rüegg und seiner Band die gesamte Winterreise und CDs mit Liedern von Schumann aufgenommen. Eine weitere mit Brahms wird folgen. Warum keine deutschen Chansons oder – meinetwegen –Schlager? 

Begonnen hat ja alles mit der Winterreise, und rückblickend habe ich das Gefühl, dass diese Lieder viel eher mich gefunden haben als ich sie. Ich war sechsundzwanzig, als ich durch Mathias die Winterreise entdeckt habe, und von da an haben mich diese Lieder in ihren Bann gezogen, mich herausgefordert und verändert. Ich denke, ich würde wahrscheinlich eher Pop als Schlager wählen, wahrscheinlich weil ich meine ersten Bühnenerfahrungen mit einem Electro Pop Trio gesammelt habe. Auf meiner jetzigen Gratwanderung zwischen Kunstlied und Jazz kann ich meine musikalischen Wurzeln und meine Liebe zum Jazz vereinen, vielleicht ist das der Grund, warum ich das mache, was ich mache. Mir scheint, dass gewisse Songs ein Eigenleben entwickeln. Wenn man bedenkt, wie viele Versionen es zum Beispiel von Summertime gibt – von Billie Holiday über Janis Joplin bis Jessye Norman … vielleicht suchen sich die Lieder die Interpreten aus und nicht umgekehrt, wer weiss.