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DAVOS FESTIVAL

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Die Ballade vom Shootingstar

Text: Eleonore Büning (Dieser Text ist erschienen im Magazin 02 | Sommer 2019)
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Eleonore Büning, bis vor Kurzem Musikredakteurin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», hat oft genug erlebt, welche fatalen Folgen schnelle Popularität für junge Musiker haben kann. Ob ein Musiker als Star am Klassikhimmel aufsteigt und schnell verglüht oder ob ihm genügend Zeit gewährt wird, sich zu entfalten, hat weniger mit Qualität als mit Zufall und Manipulation zu tun. In jedem Fall bedeutet es einen EINSCHNITT im Leben eines jungen Musikers, wenn er nach Jahren des Studiums plötzlich im Rampenlicht steht.

Manchmal hilft es, sich die wahre Bedeutung von Anglizismen nicht so genau anzusehen. Wüssten nämlich die als «Shootingstars» angepriesenen jungen Künstler, dass sie, auf gut Deutsch, nichts weiter sind als Sternschnuppen des Musikbetriebs, sichtbar und wichtig erst im Augenblick ihres Verglühens, sie würden diesen Ehrentitel fürchten lernen.

Astronomisch betrachtet handelt es sich bei einer Sternschnuppe um Abfall. Weltraumabfall. Staubkörner, Krümel, die in die Erdatmosphäre eintreten. Und da bleibt bekanntlich, wie Brecht es höchst anschaulich beschrieb in seiner Ballade vom Wasserrad, das, was oben ist, nicht oben.

Eine sternschnuppe darf maximal zwei Gramm wiegen, andernfalls heisst sie Bolide oder Meteor. Etymologisch betrachtet versteckt sich in dem Begriff ausserdem ein Relikt aus dem Mittelhochdeutschen, jener Zeit also, als man, wenn überhaupt, noch bei Kerzenlicht las und mit der Lichtschere den Docht kürzte. Dabei wurden, wie die Berliner Schnauze noch heute erinnert, die Dochtreste weggeschnuppt, und was schnuppe ist, interessiert niemanden mehr. Jedoch: Wer zufällig eine Sternschnuppe just in der Sekunde ihres Verglühens erblickt, der darf sich etwas wünschen. Ich wünsche mir dann jedes Mal: Bitte mehr gute Musik!

In der musikalischen Praxis sieht es nämlich doch etwas anders aus als in der Metaphernwelt. Erstens, weil sich für jeden, der Musik macht – und ebenso, würde ich behaupten, auch für die Musikhörenden – Sekunden zur Ewigkeit dehnen können, wenn da wirklich etwas glüht; das ist ja eben das Besondere an dieser vergänglichen Zeitkunst! Zweitens kommt es immer wieder vor, dass junge Musiker aus der durchaus einschneidenden, aber vorübergehenden Existenz eines «Shootingstars» in die mehr oder weniger bescheidene Umlaufbahn einer realen Künstlerkarriere überwechseln. Dabei spielen stets auch aussermusikalische Faktoren eine Rolle: Moden, Kuratoren, Mentoren, Intendanten, Dramaturgen, Produzenten und Sponsoren, PR-Agenten, Netzwerke, Wettbewerbe, Instagram-Filme, Youtube-Kanäle, Interviews, Fotografen sowie die aus der Popmusikbranche entliehene Zauberformel USP, die helfen soll, eine Schnuppe von der anderen zu unterscheiden. Was gefährlich werden kann.

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Jede Schnuppe, die zu einem Stern werden will, braucht nach Auffassung ihres profitorientierten Umfelds zunächst einmal einen solchen «Unique selling point». Der Pianist Martin Stadtfeld, um den es zuletzt wieder etwas stiller wurde, brachte beispielsweise immer seinen eigenen, viel zu niedrigen Klavierschemel mit, als referenz an Glenn Gould. Später hatte er dann ein Hündchen, das in der Garderobe wartete. Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja probierte es mit Björkartiger Wildheit und nackten Füssen, ihre Kollegin Vanessa Mae mit Sex und einem nassen T-Shirt, die Pianistin Yuja Wang mit zehn Zentimeter hohen Absätzen, ihre Kollegin Khatia Buniatishvili mit nur neun Zentimetern, dafür um so mehr Dekolleté. Dagegen kämpft der Pianist Igor Levit für Menschenrechte, Toleranz und die europäische Idee, der Dirigent Teodor Currentzis für das Recht auf Mönchskapuzen, rote Schnürsenkel und zu enge Hosen, Valery Gergiev für Putin und Zahnstocher, Anna Netrebko für Putin und Swarovski. Und die über Social Media bekannt gewordene russische Pianistin Valentina Lisitsa, die im Handumdrehen mehr als eine Million Fans um sich sammelte, kegelte sich mit ihrem Bekenntnis zu prorussischen Separatisten in der Ukraine selbst wieder aus ihrer klassischen Sternschnuppenkarriere heraus, kaum dass die begonnen hatte.

Zusammenfassend lässt sich sagen: So ein USP kann schiefgehen, er kann aber auch lustig sein. Er hat sicher viel mit Marketing zu tun, aber Marketing hat seinerseits viel zu tun mit Börsenglück. Die inszenierte Aussergewöhnlichkeit eines unterdurchschnittlichen Musikers kann ihn vielleicht vorüergehend zum Pausengespräch machen und die Abendkasse füllen. Aber sie verhilft ihm nicht zu Tiefe, Anerkennung und Bedeutung. Das Publikum ist nämlich nicht doof. Die Zuhörer erkennen Glut und Mut – und gute Musik, wo sie ihnen live im Konzert begegnet. Und das ist die wirklich wichtige Nachricht!

Liebe junge Musiker, die ihr noch keine «Shootingstars» seid und davon gehört habt, dass ihr welche werden sollt: nehmt diese Botschaft bitte ernst. Nehmt euch selbst ernst als Künstler. Hört gut zu, was man euch so rundherum alles rät. Aber folgt dann, in allen Stücken, der Stimme eures Herzens.

Postskriptum: Und lasst euch nicht verheizen. Was fü das profitable Marketing gilt, bestimmt ähnlich auch die Wettbewerbe, in denen oft die interessantesten Musiker vor der Finalrunde aussortiert werden und die Erstplatzierten nur im Ausnahmefall eine eigene Laufbahn einschlagen. Auch fü Musikwettbewerbe trifft zu, dass sie einem guten Musiker nicht im Weg stehen. Ganz im Gegenteil! Wettbewerbe sind erstklassig als Übungsgelände. Sie lehren das Zuhören, das Haushalten mit den eigenen Kräften, den Umgang mit dem Repertoire, dem Lampenfieber und dem Publikum, den Lehrern und Ratgebern. Und den mit sich selbst.


Eleonore Büning ist freie Musikkritikerin u.a. für die «Neue Zürcher Zeitung» und Autorin von Büchern über (und mit) Dietrich Fischer-Dieskau, Mauricio Pollini und Wolfgang Rihm. Sie ist Jurorin beim Preis der deutschen Schallplattenkritik. Zuletzt erschien ihr Buch Sprechen wir über Beethoven. Ein Musikverführer.


Stars can ascend to the classical music firmament and quickly burn out, or they can take time to reveal their true strengths. Often the difference has less to do with quality than chance, and also manipulation. But audiences always recognise passion and good music. That’s why music critic and writer Eleonore Büning has one particular piece of advice for young musicians: ‘Take yourself seriously as an artist. Listen to all the advice you can get from those around you. But follow the voice of your heart.’