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DAVOS FESTIVAL

Foto © Felix Friedmann

Auszug aus einem Interview von Alain Claude Sulzer mit Cellist Christoph Croisé. (Das ganze Interview ist im Magazin 02 | Sommer 2019 erschienen.)
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Der Cellist Christoph Croisé ist bereits 2013 am DAVOS FESTIVAL aufgetreten. Er freut sich auf die spezielle Atmosphäre, die aussergewöhnlichen Aufführungsorte und die Begegnungen mit Musikerinnen und Musikern aus der ganzen Welt.

Das Motto des diesjährigen Davos Festivals lautet «Einschnitt». Ich nehme nicht an, dass ein Auftritt in Davos für dich einen echten Einschnitt bedeutet. Gab es Einschnitte in deinem jungen Leben, einem Leben, das – zumindest von aussen betrachtet – deutlich von der Musik bestimmt ist?

Bei dem, was heute an Nachrichten aus aller Welt eintrifft, kann ich tatsächlich in meinem Leben nicht von Einschnitten sprechen. Ich habe aber tiefsten Respekt und grösstes Mitgefühl für das, was Menschen über Einschnitte in ihr Leben zu berichten haben. Als positive Einschnitte könnte ich aber schon die Begegnungen mit meiner ersten Cello-Lehrerin Katharina Kühne und sieben Jahre später mit meinem Lehrer Alexander Neustroev nennen. Ein Schritt in die Öffentlichkeit und damit ein bedeutender Schnitt in meinem Leben war sicher die Verleihung des Ersten Preises des IBLA Wettbewerbs in Italien, auf die eine Tournee mit fünfzehn Konzerten durch die USA folgte. Das war der Beginn meines Konzertierens.

Du trittst zum ersten Mal in Davos auf, nehme ich an. Als Solist hat man selten Gelegenheit zwei Wochen lang mit anderen Solisten zusammenzuarbeiten. Was erwartest oder erhoffst du dir von dieser gemeinsamen Arbeit?

Ich hatte bereits 2013 die grosse Ehre, beim Davos Festival an vier Konzerten auftreten zu dürfen. Die Atmosphäre war phantastisch. Wir sind unter freiem Himmel an ungewöhnlichen Orten aufgetreten, an einer Seilbahnstation oben auf einem Berg zum Beispiel.  Es ist schon so, dass das gemeinsame Musizieren mit Musikern aus aller Welt, mit Menschen, die man vorher nicht kannte, eine äusserst spannende Angelegenheit ist. Durch die universelle Sprache der Musik und vor allem durchs Zuhören kommt man allerdings meistens schnell ins «Gespräch». Es ist ein unglaubliches Gefühl, mit anderen Menschen nach einer kurzen Begrüssung sofort intensiv arbeiten und im idealen Fall tief in die Musik eintauchen zu können. Natürlich hoffe ich auch diesmal wieder auf solche Sternstunden musikalischer Begegnungen.

„Es ist ein unglaubliches Gefühl, mit anderen Menschen nach einer kurzen Begrüssung sofort intensiv arbeiten und im idealen Fall tief in die Musik eintauchen zu können.“

Vermisst du solche speziellen Konzertorte im täglichen Konzertalltag? Was die Konzertsäle angeht, sind wir ja eigentlich nicht viel weiter als am Ende des 19. Jahrhunderts, wo es darum ging, möglichst grosse Konzerttempel zu bauen.

Konzertorte wie in Davos strahlen schon eine besondere Atmosphäre aus, die sowohl den Musikern als auch den Zuhörern ganz spezielle und berührende Konzerterlebnisse ermöglichen. Es gibt ja inzwischen eine zunehmende Vielfalt an Konzertorten auch ausserhalb der grossen «offiziellen Konzertsäle». Ich denke da zum Beispiel an eine alte Zementfabrik in Brunnen, in der wir Sextett gespielt haben, oder an die unglaublich eindrucksvollen kleinen Bergkirchen in Rougemont und Arosa, ich erinnere mich auch an Auftritte in Museen oder italienischen Villen oder an Auftritte in Clubs mit DJs an der SRF Purple Night in Zürich. Es ist aber auch fantastisch, in grossen, ehrwürdigen Sälen wie der Philharmonie in Berlin, der Maaghalle in Zürich oder der Philharmonie in St. Petersburg aufzutreten. Ein enger Kontakt zum Publikum entsteht jedoch oft gerade in kleineren Räumlichkeiten, wenn es etwa nach den Konzerten zu Gesprächen kommt.

Braucht man als Musiker diese Gespräche? Inwiefern beeinflussen sie deine Arbeit? Ist das Gespräch mit dem Zuhörer eine der letzten Möglichkeiten, das feedback zu bekommen, das leider immer seltener von den Medien kommt. 

In den Medien kommt eine Rezension ja meistens von einer Fachperson, aber auch da habe ich schon erlebt, dass zwei Artikel zum selben Konzert ganz unterschiedliche Eindrücke wiedergaben. Es gibt so viele Momente, die ein Konzerterlebnis ausmachen. Direkt nach dem Konzert den unmittelbaren Eindruck von verschiedenen Zuhörern zu erleben, ist für mich eine wichtige Brücke über die, neben dem Applaus, etwas von dem zurückkommt, was ich geben konnte. Wenn ich beispielsweise den Eindruck habe, dass mir etwas besonders gut gelungen ist und mir das auch von Zuhörern bestätigt wird, weiss ich, dass wir wirklich auf derselben „Wellenlänge“ waren. Das beeinflusst natürlich auch die weitere Arbeit.

Hast du den Eindruck, Musiker seien heute freier als früher?

Als Musiker ist man vor allem Interpret. Es gibt eine Komposition und man versucht, sie möglichst werk- und zeitgetreu zu interpretieren. Zur Zeit des Barocks war die Freiheit für Verzierungen, Modulationen und Improvisation deutlich grösser als heute. Man konnte, ja musste auch spielen, was gar nicht in den Noten steht. Auch da gab es allerdings Regeln, die man lernen und einhalten musste. Längst knüpft man wieder an diese Freiheiten an. Heute spielt man in der Klassischen Musik hauptsächlich «alte» Musik, im Barock und noch lange danach spielte man meistens Uraufführungen. Das Publikum wollte immer Neues, was heutzutage eher nicht der Fall ist.

Fürchtest du manchmal, durch Agenten und Veranstalter zu einer gewissen Marktkonformität gezwungen zu werden?

Nein, Vorgaben von Veranstaltern waren bisher noch nie ein Problem für mich. Viele Veranstalter sind sogar sehr offen für musikalische Vorschläge, da gibt es eine gute Zusammenarbeit.

Hast du trotzdem den Eindruck, man erwarte etwas Bestimmtes von dir?

Ja, ich denke schon. Die Leute machen sich ja auf den Weg zu einem Konzert, es ist ein Teil ihrer Freizeit, sie bezahlen und erwarten etwas. Die Leute gehen ins Konzert, weil sie einen Künstler live erleben wollen. Sie wollen sehen, hören, in wechselnde Harmonien eintauchen, Erfahrungen aus dem Leben auf der Ebene der Musik in anderer Form wiederfinden, sich entspannen, manchmal auch zu sich finden. Da ist man als Künstler verpflichtet, all das, was einem dank der Komposition zur Verfügung steht, durch eigenes Erarbeiten und Verarbeiten in der kurzen Zeit des Konzerts zu präsentieren.

Wie erklärst du jemandem, der sich für die Musik, die du liebst, nicht erwärmen kann, deine Arbeit?

Ich bin nicht sicher, dass das Erklären überhaupt etwas bringt. Zuhören, mitschwingen, sich im Einklang fühlen – das ist viel wichtiger. Natürlich entsteht das auch durch das Wiedererkennen von bekannten Strukturen. Musikalisches Mitschwingen hat daher mit Sicherheit auch etwas mit wiederholtem Hören zu tun. Manchmal erzähle ich den Zuhörern, wie das Werk entstanden ist, ich mache sie auf einige Besonderheiten aufmerksam und gebe kurze Beispiele dafür. In jedem Fall nicht überreden, sondern überzeugen.


Cellist Christoph Croisé first appeared at the DAVOS FESTIVAL in 2013. He enjoys the special atmosphere, the unusual performance spaces and the chance to get together with musicians from throughout the world. ‘It is an amazing feeling to jump straight into intensive work with other people after a brief introduction, and in the best case to dive deep into the music.’