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DAVOS FESTIVAL

Foto © Yannick Andrea

Interview von Julia Kaiser mit Kammerchor-Sopranistin Larissa Bretscher. (Das Interview ist im Magazin 01/2020 erschienen.)

Die Zürcher Sopranistin Larissa Bretscher singt seit einigen Jahren im DAVOS FESTIVAL Kammerchor und freut sich, auch in diesem Jahr für die Singwoche im Februar und das Festival im August nach Davos zu kommen.

Larissa, der DAVOS FESTIVAL Kammerchor ist ein Ensemble, das sich wirklich nur hier in Davos zusammenfügt. Dies aber nun im siebten Jahr. Was macht den Reiz für dich aus?

Wir sind alle Solistinnen und Solisten, die auch sehr gerne im Ensemble musizieren. Die meisten von uns sind schon seit ihrer Kindheit in Chören und sind mittlerweile als freischaffende Sängerinnen und Sänger auch regelmässig in professionellen Chören unterwegs. Das macht es so luxuriös, alle bringen eine grosse Wachheit und Erfahrung mit, sodass wir uns immer ganz schnell wiederfinden, auch wenn wir ein halbes Jahr nicht zusammen gesungen haben. Es ist auch ein Ensemble, das sich auf die verrücktesten Ideen einlässt und auch mal auf Risiko geht – immer mit ehrlicher Hingabe an die Musik. Das schätze ich sehr. Und wenn man jedes Jahr in zwei so umfangreichen Projekten zusammen musiziert, entstehen Freundschaften. Wir können hochkonzentriert proben und ausgelassen zusammen feiern.

Unter Orchestermusikern höre ich oft, dass die Hochschulausbildung vor allem auf Solisten und kaum auf Ensemblemusiker eingeht. Empfindest du das ebenso in der Gesangsausbildung?

Es gab tolle Chorprojekte an der Hochschule. Während des Studiums ist man aber auch stark damit beschäftigt, seine eigene Stimme aufzubauen und zu entwickeln. Da kann es zwischenzeitlich verwirrend sein, im Ensemble zu singen. Das ist vielleicht bei Sängerinnen etwas anders als bei Instrumentalisten, die beim Eintritt ins Studium ihr Instrument meist schon sehr toll beherrschen. Es ist aber auch eine Typ- und Stimmfrage.

Ich geniesse, dass es in Davos rundherum diese herrliche Berglandschaft gibt, in der man sich für ein Stündchen zurückziehen und spazieren kann.

Wo liegen deine eigenen Engagements im Moment? Morgen hast du einen Auftritt, was wird das sein?

Das ist ein Georg-Kreisler-Abend mit der Pianistin Lena Schmidt, als Duo Carouge. Ich bin als freischaffende Sängerin unterwegs, singe solistisch in Konzerten und in verschiedenen Ensembles.

Beim DAVOS FESTIVAL gibt es natürlich die Auftritte des gesamten Kammerchores, mit vier, acht und gelegentlich sogar, in der neuen Musik, zwölf Stimmen. Aber es gibt auch eine Fülle an Gelegenheiten, in kleinen Ensembles aufzutreten, auch solistisch. Das ist wie eine grosse Spielwiese, auf der man euch beim Arbeiten beobachten darf…

Es ist diese grosse Bandbreite, die ich so schätze am DAVOS FESTIVAL; dass genau das möglich ist. Die Mischung mit Volksliedern, die wir zum Beispiel im Bus oder auf der Alp singen. Das ist für mich wie eine Erinnerung, denn mein erster Kontakt mit Musik war auch in Volksliedern. Immer wieder zu dieser Quelle zurückzukehren finde ich sehr schön – und dann am gleichen Abend ein sehr anspruchsvolles Neue-Musik-Stück zu interpretieren. Das erfordert natürlich auch eine gewisse Flexibilität. Ich bin das aus meinem Musikerleben gewohnt, weil ich in einem weiten stilistischen Spektrum arbeite. Aber in den zwei Wochen in Davos ist es schon sehr extrem, wie man von einem ins andere geht. Das ist aber das Tolle am DAVOS FESTIVAL Kammerchor, dass dort so viele Leute sind, die das können und wirklich gern machen.

Hast du während dieser zwei Wochen auch Gelegenheit, einfach Zuhörerin zu sein?

Es ist für mich ein Riesenschatz, was ich beim Festival immer erleben kann. Man hat während der zwei Wochen oft Gelegenheit, nicht nur einzelne Werke, sondern ganze Konzertabende mit diesen hervorragend konzipierten Programmen zu erleben. Reto Bieri hat so fantastische Verbindungen zwischen Werken geschaffen und mit Kontrasten gespielt, Schauspieler und Texte einbezogen. Oliver Schnyder hat das im letzten Jahr fortgesetzt, und was ich schon von Marco Amherds Programm gehört habe, klingt vielversprechend.

Auch weil das alles auf einem so hohen Niveau geschieht, geniesse ich es wirklich sehr. Es gibt immer viele Wiederbegegnungen mit Leuten, die man selbst aus der Studienzeit kennt, und man kann sich nicht nur gegenseitig erzählen, was man jetzt so macht, sondern einander dabei zuhören. Ich lerne viel von den anderen Musikerinnen und Musikern, es ist wie ein gegenseitiges Begeisterung-Entfachen!

Es ist auch ein Ensemble, das sich auf die verrücktesten Ideen einlässt und auch mal auf Risiko geht – immer mit ehrlicher Hingabe an die Musik. Das schätze ich sehr.

Eine schöne Durchmischung findet am DAVOS FESTIVAL auch mit dem Publikum statt, auf den Wanderungen und im Offenen Singen etwa. Ist das nur eine Bereicherung oder zuweilen auch anstrengend?

Dieser nahe Kontakt zum Publikum zeichnet das DAVOS FESTIVAL aus. Und man wird während des Festivals zu einer Art Gemeinschaft mit vielen grossartigen Erlebnissen. Aber klar: Wir proben während dieser Zeit täglich mehrere Stunden intensiv, im Offenen Singen musizieren wir dann mit dem Publikum oder geben Workshops, und abends singen wir Konzerte. Man muss mit seinen Kräften haushalten, denn es ist schon eine intensive Zeit. Ich geniesse, dass es in Davos rundherum diese herrliche Berglandschaft gibt, in der man sich für ein Stündchen zurückziehen und spazieren kann.

Noch intensiver ist es vielleicht sogar in der Singwoche, denn da arbeitet ihr eine Woche lang fast die ganze Zeit mit nicht professionellen Sängern. Wie gestaltet sich da die Balance?

Es gibt in der Singwoche noch einen stärkeren Kontakt mit den Leuten, aber das ist ja wie ein Wiedersehen. Denn viele der Singwochen-Gäste sind schon seit Jahren dabei. Von ihnen kommt eine so grosse Begeisterung, dass ich das eigentlich als erfrischend empfinde. Als Profi geht man immer zur «Arbeit», auch wenn man sie natürlich gerne tut – aber dann kommen diese Leute und strahlen uns an und sind so wissbegierig! Das finde ich sehr ansteckend. Und wir sind im Kammerchor sehr mitfühlend untereinander. Wenn einer mal nicht so guter Stimmung ist, kann er sich zurückziehen
und die anderen fangen das auf.

Das DAVOS FESTIVAL trägt diesen Sommer den Titel «Von Sinnen» – wann warst du zuletzt musikalische von Sinnen?

Bei Konzerten versuche ich ganz wach in all meinen Sinnen zu sein und gleichzeitig durch das Sinnlichsein mit der Sprache und dem Klang ein Türchen zum Übersinnlichen zu finden. Ich suche diese Mischung aus «ganz da, bei Sinnen» und gleichzeitig «ganz weg, von Sinnen». Ich weiss nicht, ob das nun Sinn ergibt (lacht).


Julia Kaiser ist freie Hörfunkautorin im Bereich Kultur und Kulturvermittlung. In ihrer Arbeit als Medientrainerin vermittelt sie Künstlern und Wissenschaftlern, wie man im Interview eine gute Figur macht und sein Expertenwissen verständlich vermittelt. In dem von ihr entwickelten Projekt Junge Reporter, eine Journalistenakademie für junge Menschen, gibt sie ihre journalistischen Erfahrungen und ihre Faszination für ihren Beruf an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene weiter.