e

Foto © Egle Liepa

Kammermusik für Perkussion und Klavier

Text: David Reissfelder (Dieser Text ist erschienen im Magazin 01/2020)

Das Programm des Neujahrskonzerts legt einen Schwerpunkt auf Transkriptionen, die ursprünglich nicht für dieses Instrumentarium komponiert wurden. Dadurch erklingen bekannte Werke in neuem Gewand und lassen Spielraum für eigenwillige Interpretationen. Das Spektrum reicht von Johann Sebastian Bach über Steve Reich bis zu Chick Corea. Ein abwechslungsreiches Programm, das nebst feinsinnigen Klavierklängen auch sinnesberauschendes Virtuosentum erlebbar macht.

 

Glocken, Becken, Rasseln, Pauken, Trommeln, Glockenspiele, Xylophone und vieles mehr: Die Familie der Perkussionsinstrumente ist von einer ungeheuren Vielfalt geprägt. Das Schlagen auf oder Rütteln von metallenen oder hölzernen Objekten aller Art gehört sicherlich zu den frühesten Formen menschlichen Musikmachens. Dabei sind diese keineswegs auf eine Rolle als Taktgeber beschränkt, denn zu den Schlaginstrumenten, die mit dem Erzeugen konkreter Tonhöhen auch als Melodieinstrumente eingesetzt werden können, zählen die Stabspiele. Zwei Vertreter dieser Gattung stehen beim Neujahrskonzert des DAVOS FESTIVAL 2020 im Zentrum: die Marimba und das Vibraphon. Dazu gesellt sich ein weiteres Instrument, das von der Art der Tonerzeugung ebenfalls als Schlaginstrument bezeichnet werden kann: das Klavier. Auf dem Programm stehen vor allem Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die dieser Besetzung auf den Leib geschrieben wurden – mit der prominenten Ausnahme Johann Sebastian Bachs.

Eine besondere Qualität aller drei Instrumente liegt darin, dass sie sowohl einen eher rhythmischen, perkussiven als auch einen melodiösen, lyrischen Charakter annehmen können. Mit bis zu vier Schlegeln – zwei in jeder Hand – erfordern beide Stabspiele zudem einen hohen Grad an Virtuosität. Der Name Marimba stammt aus Lateinamerika, wo afrikanische Sklaven das Instrument einführten. Heute wird er allgemein für hölzerne Konzertxylophone verwendet. Die Klangträger des Vibraphons sind hingegen aus Metall; bei diesem wird zusätzlich durch elektronische Verstärkung ein schwingender Nachhall, ähnlich einem Vibrato, erzeugt.

Luca Staffelbach | Foto © Akvilė Šileikaitė

Im letzten Jahrhundert erlebten Schlaginstrumente im Orchester und bei kammermusikalischen Besetzungen eine Aufwertung wie wohl keine andere Instrumentengruppe. Während früher geräuschhafte Perkussion meist nur zur Erzeugung eines exotischen Reizes diente, erkunden heutzutage Komponisten – auch beeinflusst von populärer Musik, dem Jazz und anderen aussereuropäischen Musikkulturen – eine ganze Bandbreite weiterer Einsatzmöglichkeiten. Inzwischen sind Solokonzerte für Schlagzeug und Orchester und reine Schlagzeug-Ensembles eine Selbstverständlichkeit. So ist auch Fabian Ziegler überzeugt: «Das Schlagzeug macht momentan eine unglaubliche Entwicklung durch. Es ist auf jeden Fall das «Boom-Instrument» der heutigen Zeit. Wir haben durch die so vielen verschiedenen Instrumente unglaubliche Möglichkeiten, und wir haben die Freude, weiterhin immer und viel an neuem Repertoire zu arbeiten sowie natürlich auch gute Transkriptionen von alten, grossen Werken zu machen.»

Fabian Ziegler und Luca Staffelbach sind beim Neujahrskonzert des DAVOS FESTIVAL zu hören. Zusammen mit Matthias Kessler bilden sie das Perkussionsensemble Colores Trio, das 2019 beim Kammermusik-Wettbewerb des Migros-Kulturprozent den Jury- und den Publikumspreis erhielt. In Davos spielen Fabian Ziegler und Luca Staffelbach mit der litauischen Pianistin Akvilė Šileikaitė, die auch als Solistin aktiv ist und in verschiedenen Projekten ihrer Leidenschaft für moderne und zeitgenössische Musik nachgeht.

Fabian Ziegler | Foto © Akvilė Šileikaitė

Am Beginn des Konzerts vom 1. Januar steht jedoch eine barocke Klavierkomposition. Die Präludien und Fugen von Bachs Wohltemperiertem Klavier bezeichnete Hans von Bülow als «Altes Testament des Klavierspielers». Seit fast dreihundert Jahren dienen sie Musikern und Musikerinnen jeder Art als Inspiration – auch Schlagzeugern, wie in Davos zu hören sein wird. Zahllose Komponisten nahmen diese traditionelle Form auf, die höchstmögliche Freiheit im Präludium mit der Formenstrenge der Fuge verbindet.

Das Schlagzeug macht momentan eine unglaubliche Entwicklung durch. Es ist auf jeden Fall das «Boom-Instrument».

Friedrich Gulda ist vor allem als erstrangiger Interpret der Klavierwerke etwa Mozarts und Beethovens bekannt, trat jedoch auch als Komponist in Erscheinung. Mit seiner Liebe zum Jazz interessierten ihn die Grenzen einer sogenannten ernsten Musik kaum: Sein Stück Prelude and Fugue von 1965 sprüht dementsprechend vor improvisatorischer Energie. Der Pianist Marc-André Hamelin beschreibt es so: «Die swingenden Arpeggio-Figuren des Préludes ebnen den Weg für ein extrem synkopiertes Fugenthema, das in einem hektischen Tempo beginnt und den Interpreten in Atem hält, während er die recht verzwickte Vierstimmigkeit entwirren muss. Auf dem Höhepunkt des Getümmels bricht der Notentext genau vor der Coda ab, und Gulda fordert den Pianisten auf, den Rest des Stückes zu improvisieren. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, warum dieses ungeheuer aufregende und faszinierende Werk bisher keinen Eingang in das Repertoire gefunden hat, obwohl es schon einige Jahrzehnte existiert.»

Ein anderes Stück Bachs bildet den Ausgangspunkt für die Passacaglia der aus Warschau stammenden Komponistin Anna Ignatowicz-Glińska. Sie hat zahlreiche Stücke für ungewöhnliche Besetzungen, darunter einige für Schlagzeugkombinationen, verfasst. Die Chaconne aus Bachs Partita d-Moll für Violine solo BWV 1004 ist die wohl bekannteste Komposition dieser traditionellen Form, in der eine kurze Bassmelodie in der Art eines Ostinatos stetig wiederholt wird. Durch das scharf punktierte Ostinato in ruhigem Tempo wird in der Passacaglia für Marimba und Vibraphon (2003) ein geradezu meditativer Sog erzeugt. Ein solcher prägt auch das Duo Fragment (2001) des Neuseeländers John Psathas mit seinem regelmässigen Puls von Akkorden.

Dazu gesellt sich ein weiteres Instrument, das von der Art der Tonerzeugung ebenfalls als Schlaginstrument bezeichnet werden kann: das Klavier.

Beim Neujahrskonzert zu Gehör kommt zudem ein Lied aus den Children’s Songs von Chick Corea, einem der bedeutendsten Jazz-Pianisten, der Ragtime von Mauricio Kagel in einer Fassung für Klavier und Schlagzeug, bei dem der Vorläufer des Jazz neu interpretiert wird, und Nagoya Marimbas von Steve Reich, der den Einfluss afrikanischer Trommelmusik auf die Minimal Music hörbar macht. Der junge polnische Komponist Arkadiusz Kątny schliesslich schrieb für Fabian Ziegler ein neues Stück: Nach der Luzerner Uraufführung Ende Dezember 2018 wird es in Davos erst zum zweiten Mal überhaupt aufgeführt.



David Reissfelder studierte Musikwissenschaft und Geschichte in Heidelberg und London. Seit 2018 ist er Doktorand am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich mit einem Forschungsprojekt zur Kammermusik in England und Frankreich um 1900.