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Vom Electro-Pop zur Winterreise

Lia Pale tritt nicht zum ersten Mal mit einem Pianisten auf. Diesmal – eine Weltpremiere!
ist ihr Partner nicht der Jazzpianist Mathias Rüegg, sondern der «klassische» Pianist Oliver
Schnyder. Mit dem Jazzer Rüegg hat sie Lieder von Schumann gesungen, mit dem Klassiker Schnyder singt sie aus dem American Songbook.

ALAIN CLAUDE SULZER IM GESPRÄCH MIT LIA PALE

«Die unverwechselbare Stimme von Lia Pale prägt sich gleich beim ersten Mal Hören ein, als wäre sie schon immer da gewesen», heisst es in der Laudatio zum Pasticcio-Preis des Österreichischen Rundfunks ORF, den Lia Pale 2013 erhielt. Damals stand sie noch am Anfang ihrer Karriere als Sängerin. Sie hatte, laut eigener Aussage, gerade erst begriffen, dass man von Musik auch leben kann. Man muss sie lediglich ins Zentrum seiner Wirkungstätigkeit stellen. Das hat sie getan. Dazu braucht es Mut. Dazu braucht es Grösse. Dazu braucht es Talent. Längst ist Lia Pale Sängerin, kurz Musikerin im Hauptberuf. Und sie ist erfolgreich.

«Ich bin Lia. Sängerin. Schubert Interpretin. Schumann Interpretin », schreibt sie auf ihrer Homepage. «Ich singe klassische Kunstlieder als Songs, weil ich an eine Freiheit der Interpretation glaube und mir die Frage gefällt, wie die Winterreise wohl geklungen
hätte, wenn Sinatra sie gesungen hätte, weil es mir so vorkommt, als ob Glenn Gould Jazzpianist gewesen wäre, wenn ich seine Goldberg Variationen höre.»

Nun, wenn Operndiven mit der grössten Selbstverständlichkeit Songs von Gershwin interpretieren, warum sollten sich dann Jazzsängerinnen beim klassischen deutschen Repertoire zurückhalten? Bei Licht betrachtet ist der Unterschied zwischen Gershwins Summertime und Schumanns Mondnacht viel kleiner als der zwischen einer Oper und einem Streichquartett.

Freiheit der Interpretation meint nicht, sich möglichst weit vom Original zu entfernen. Freiheit der Interpretation heisst, sich dem Original auf individuelle Weise zu nähern. Wird bei der Annäherung Ernst gemacht, hebt sich der Unterschied zur «notengetreuen» Interpretation von selbst auf. Wenn Lia Pale Schubert singt, ist Schubert in unserem Jahrhundert angekommen.

Mit Mathias Rüegg hat Lia Pale inzwischen mehrere CDs mit Liedern von Schubert und Schumann aufgenommen – und weitere werden folgen. Gemeinsam haben sie Schuberts Winterreise und Lieder von Robert Schuman neu interpretiert. Jetzt tritt Lia Pale mit Oliver Schnyder auf. Man darf gespannt sein.

Wie wird man Jazzsängerin?
Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher … vielleicht indem man Jazz liebt und singt – sich dessen Vokabular und Repertoire widmet. Ich bin mir deshalb auch gar nicht sicher, ob ich wirklich eine Jazzsängerin bin, da ich ja bis jetzt hauptsächlich Lieder aus dem European Song Book und nicht aus dem Great American Song Book gesungen habe. Ist man auch dann Jazzsängerin, wenn man hauptsächlich Schubert, Schumann und Brahms singt?

Gute Frage. Wie siehst du dich selbst?
Wenn ich das wüsste … das Einordnen, die Entscheidung, welche Art von Sängerin ich bin, überlasse ich den Zuhörern.

Dann versuche ich es mal mit einer Zuordnung. Deine Stimme ist instrumental geführt, aber die Frau, die da singt, nimmt den Text genau so ernst wie die Musik, in die er gekleidet wurde. Wie wichtig ist dir der Text tatsächlich?
Danke für deine Zuordnung! Der Text ist für mich die Basis. Vor allem auch die Basis meiner Phrasierung. Die Worte geben mir die Rhythmik gewissermassen vor, verlangen danach; das inspiriert und fasziniert mich jedes Mal.

«Schon als Kind hab ich davon geträumt Sängerin zu werden und auf der Bühne
zu stehen, inklusive Training mit Haarbürste als Mikro vor dem Badezimmerspiegel.»

Sängerin war nicht dein «erster» Beruf? Du bist zunächst als Flötistin aufgetreten, wenn ich richtig unterrichtet bin. Wie kamst du zum Singen?
Schon als Kind hab ich davon geträumt, Sängerin zu werden und auf der Bühne zu stehen, inklusive Training mit Haarbürste als Mikro vor dem Badezimmerspiegel.
Mit acht Jahren dann fing ich an, Querflöte und Klavier an der Musikschule in Wels zu lernen – und mochte beides sehr. Das Singen war zwar immer in meinem Kopf, bis ich mich aber getraut habe, meinen Wunsch nach aussen zu tragen, hat es etwas gedauert – bis ich sechzehn war. Ich ging auf ein Musikgymnasium, und meine Zeit dort empfinde ich nach wie vor als wegweisend. Dort habe ich zu singen begonnen, meine ersten Gesangsstunden erlebt und erfahren, dass man Gesang auch studieren kann und dass Musikerin/Sängerin zum Beruf werden kann … dafür bin ich sehr dankbar.

Du nimmst während deiner Auftritte immer noch die Flöte zur Hand und spielst darauf. Priorität hat aber die Stimme, oder?
Ja genau, absolut. Die Flöte sehe ich als Verlängerung oder Ergänzung. Sie kam erst später wieder dazu, zwischen zwanzig und sechsundzwanzig habe ich eigentlich gar nicht mehr gespielt. Dann bin ich für ein Auslandsstudienjahr nach Schweden gegangen und habe dort Chet Baker entdeckt, der ja Trompete spielte und sang – und nach einem kleinen Stupser von Mathias Rüegg begann ich, wieder zu meiner Flöte zu greifen.

Wenn man sich dein bisheriges Repertoire anschaut, hat man den Eindruck, dich interessierte bisher mehr als alles andere das klassische deutsche Lied.
Neu ist, dass du mit Oliver Schnyder nun amerikanische Standards singst (und kürzlich aufgenommen hast). Man könnte sagen: Die Sängerin kehrt zu den Ursprüngen zurück, während der Pianist in unbekannte Regionen vordringt. Was ist anders, mit einem «klassischen Pianisten» zu spielen, und mit Mathias Rüegg, der dich sonst meist begleitet und bekanntlich vom Jazz kommt?
Das stimmt, und ich freue mich riesig darüber! Es sind bei dem Programm mit dem grossartigen Oliver Schnyder Standards dabei, die ich das erste Mal vor zehn Jahren,
also ganz am Anfang meines Studiums gesungen habe, wie etwa Someday My Prince Will Come oder Angel Eyes. Mathias Rüegg hat diese Songs für Oliver und
mich quasi massgeschneidert.

Und wie ist das?
Ich hätte nie gedacht, dass es so anders ist mit einem «klassischen Pianisten» zu spielen. Die Unterschiede sind grösser als ich erwartet hatte, und gerade deshalb
ist es so spannend und inspirierend. Zum Beispiel der Umgang mit Rhythmik und Phrasierung, ich lerne so viel Neues! Ah, und dass bei den Proben nicht eingezählt,
sondern «eingeschnauft» wird.

Das gemeinsame Atmen ist also wichtiger als der richtige Takt?
Sagen wir, das gemeinsame Atmen ist der Ausgangspunkt für den richtigen Takt.

Ich habe den Eindruck, der richtige Takt sei jeweils ein anderer. Es ist etwas ganz anderes, ob eine «klassisch » ausgebildete Sängerin Schumanns Mondnacht
singt oder du. Und das liegt nicht nur daran, dass du eine englische Version singst.
Genau, das empfinde ich auch so. Es gibt einen Unterschied, aber ich kann ihn nicht genau in Worte fassen oder erklären. Für uns Nicht-Klassiker gibt es einen Grundpuls, im Sinne von one, two a one, two, three, four – der stets durchläuft. Ich habe das Gefühl, in der Klassik gibt es eine Art freieren Bezug zum Grundpuls. Der Grundpuls ist irgendwie flexibler, dehnbarer. Es ist ein schwieriges Thema, da Rhythmik auch immer etwas sehr Persönliches ist.

Ist die relative Strenge (oder Gleichförmigkeit) des vorgegebenen Takts, die du hier sehr bildhaft und nachvollziehbar ansprichst, der Grund, Englisch statt Deutsch zu singen? Weil Englisch weicher klingt? Es läge ja für eine deutschsprachige Sängerin
auf der Hand, Lieder von Schumann oder Schubert in deutscher Sprache zu singen. Warum Englisch?
Im Grunde ja. Ich denke, dass jeder Sprache eine eigene Rhythmik innewohnt und die Originalbegleitung der Kunstlieder auf die Rhythmik der deutschen Sprache
zugeschnitten wurde. Ändert man also die Rhythmik, sollte man auch die Sprache ändern. Hinzu kommt auch einfach, dass ich lieber auf Englisch singe und diese
Weichheit, die du ansprichst unheimlich geniesse.

«Auf meiner jetzigen Gratwanderung zwischen Kunstlied und Jazz kann ich meine musikalischen Wurzeln und meine Liebe zum Jazz vereinen.»

Ich nehme an, du hast es auf Deutsch versucht und aus den genannten Gründen verworfen?
Erwischt! Wir hatten sogar bei unserer Schumann-Premiere 2016 den Versuch unternommen, die Originale direkt mit den Arrangements zu verweben. In jedem Lied oder Arrangement sang ich auch immer einen Teil des Originals auf Deutsch, aber das haben wir danach verworfen – die Originalteile sind geblieben, aber ich spiele sie jetzt auf der Flöte.

Die Flöte als deutsches Instrument?
Wer weiss? Das einzige Stück, das ich auf Deutsch singe, ist Der Leiermann aus der Winterreise.

Obwohl du und Oliver beim Neujahrskonzert in Davos amerikanische Standards singt – das also, was man den Fundus des amerikanischen «Liedguts» nennen könnte – hier die Frage zu deinem bisherigen Kernrepertoire: Woher deine offenkundige Liebe zum deutschen Lied? Du hast inzwischen mit Mathias Rüegg und seiner Band die gesamte Winterreise und CDs mit Liedern von Schumann aufgenommen. Eine weitere mit Brahms wird folgen. Warum keine deutschen Chansons oder – meinetwegen –Schlager?
Begonnen hat ja alles mit der Winterreise, und rückblickend habe ich das Gefühl, dass diese Lieder viel eher mich gefunden haben als ich sie. Ich war sechsundzwanzig, als ich durch Mathias die Winterreise entdeckt habe, und von da an haben mich diese Lieder in ihren Bann gezogen, mich herausgefordert und verändert. Ich denke, ich würde wahrscheinlich eher Pop als Schlager wählen, wahrscheinlich weil ich meine ersten Bühnenerfahrungen mit einem Electro Pop Trio gesammelt habe. Auf meiner jetzigen Gratwanderung zwischen Kunstlied und Jazz kann ich meine musikalischen Wurzeln und meine Liebe zum Jazz vereinen, vielleicht ist das der Grund, warum ich das mache, was ich mache. Mir scheint, dass gewisse Songs ein Eigenleben entwickeln. Wenn man bedenkt, wie viele Versionen es zum Beispiel von Summertime gibt – von Billie Holiday über Janis Joplin bis Jessye Norman … vielleicht suchen sich die Lieder die Interpreten aus und nicht umgekehrt, wer weiss.

Wie du weisst, lautet das Motto von Oliver Schnyders Intendanzjahr «Einschnitt». Gibt es einen Einschnitt in deinem «musikalischen Leben»? Oder sollte ich besser einfach «Leben» sagen? Ich habe den Eindruck, nicht nur bei ihm, sondern auch bei dir sind Leben und Musik eins?
Ich glaube, sobald man sich mit ganzem Herzen für etwas entscheidet, ist es in diesem Moment bereits Teil des Lebens. Ich habe das Gefühl, dass Einschnitte sich immer erst im Nachhinein wirklich zu erkennen geben. Aber wenn man den Beginn einer neuen musikalischen Zusammenarbeit als Einschnitt deuten würde, kann ich diese Frage auf jeden Fall mit einem lauten «ja» beantworten! •