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Träumst du von Davos?

Das DAVOS FESTIVAL hat einen neuen Intendanten. Auf Reto Bieri folgt Oliver Schnyder. Was haben wir von ihm zu erwarten? Was wird es an Neuerungen geben? Was bleibt gleich? Schnyder, ein Mann, dem man nachsagt, ein gutes Gespür für andere Menschen zu haben, gibt Auskunft. Alain Claude Sulzer im Gespräch mit Oliver Schnyder

Dieses Jahr bist du Intendant des DAVOS FESTIVAL. Die Arbeit hat für dich aber schon vor Monaten begonnen. Wie fühlst du dich?

In der Saison 2017/18 habe ich zum ersten Mal Beethovens Hammerklaviersonate sowie Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 im Konzert gespielt. Das Lernen solch schwieriger Partituren bedeutet ein emotionelles Wechselbad zwischen freudiger Zuversicht und nagenden Selbstzweifeln. Meine Gefühle im Hinblick auf Davos sind sicher vergleichbar. Das Festival ist wie ein neu zu lernendes Repertoirewerk, das am Tag X sitzen muss. Aber mit der Angst vor der eigenen Courage weiss ich umzugehen.

Wie oft hast du schon von Davos geträumt?

Bis jetzt noch nicht! Ob es wohl einen archetypischen Intendanten-Albtraum gibt? Die Pianisten träumen jedenfalls alle von denselben Horrorszenarien …

Welchen «Einschnitt» – so heisst das diesjährige Festivalmotto – bedeutet diese neuartige Aufgabe für dich?

Ich bin in einem Alter, in dem viele künstlerisch tätige Menschen den Wunsch verspüren, ihren Aktionsradius und somit ihren Horizont zu erweitern. Sie wollen mehr Verantwortung tragen – nicht mehr nur für sich selbst. Viele Musikerkollegen wenden sich etwa dem Dirigieren zu und betreten durch diese neuen Erfahrungen noch unbekannte künstlerische Ausdruckswelten. Bei mir kommt der entsprechende kreative Schritt in Form einer Intendanz. Ob und wie stark er ein Einschnitt sein wird, vermag ich heute noch nicht schlüssig zu beurteilen, glaube aber, dass ich im Grunde nichts anderes zu tun habe, als die Summe meiner künstlerischen und menschlichen Erfahrungen in der angestammten Tätigkeit als reisender Klavierspieler in den Dienst eines grösseren Ganzen zu stellen.

Da «Einschnitt» nun einmal das Motto deines Intendanzjahres ist, muss ich doch darauf beharren: Was wäre oder war für dich ein Einschnitt?

Gewichtige Entscheidungen fühlen sich für mich nicht wie Einschnitte an, wenn sie gefällt werden. In der Rückschau aber bilden sie sehr wohl eine Zäsur, einen Einschnitt eben. Die Entscheidung, nach Amerika zu gehen und bei Leon Fleisher zu studieren etwa; oder die Entscheidung, Vater zu werden. Solche Ereignisse werden im Rückblick zu Einschnitten, weil sie mich als Mensch transformiert und bis zu einem gewissen Grad neu definiert haben. Die Entscheidung für Davos zähle ich – in weiser Voraussicht – zu dieser Kategorie wichtiger Entscheide.

Wie kamst du auf dieses Motto?

Als ich zum ersten Mal bei der Davoser Findungskommission vorstellig wurde, hatte ich den Auftrag, eine Festivalidee zu skizzieren. Bereits da fantasierte ich mit der «Schnitt»-Idee, denn ich fragte mich, was aus Sicht des DAVOS FESTIVAL passiert, wenn ausgerechnet ich den Job erhalte. Dass ein Intendantenwechsel, vor allem, wenn der Vorgänger vom Kaliber eines Reto Bieri ist, einen Einschnitt bedeutet, liegt auf der Hand. Und den Kalauer mit meinem Namen Schnyder, den die Engländer Schneider aussprechen, konnte ich mir nicht verkneifen.

Was passiert deiner Ansicht nach aus der Sicht des DAVOS FESTIVAL, wenn du dieses Jahr den Job machst? Was gewinnt das Festival mit deiner Wahl?

Man attestiert mir ein gutes Gespür für Menschen und ihre Qualitäten.

Das kann ich bestätigen!

Danke – «it takes one to know one»! Als häufiger Gastgeber von privaten Partys macht es mich glücklich zu sehen, wenn meine Gäste sofort einen Draht zueinander finden. Ich mache die schöne Erfahrung, dass ich integrativ auf die Menschen wirke und sie in meinem Umfeld tendenziell aufblühen. Ich empfinde dies als Geschenk. Mit mir kommt jemand nach Davos, der sich stark für Menschen interessiert und sie dort an die Hand nehmen möchte, wo sie sind und nicht dort, wo er sie haben will, der ihnen also viel Wertschätzung entgegenbringt. Natürlich war das bei meinem Vorgänger und Freund Reto Bieri nicht anders. Insofern setzt man mit mir auch auf eine gewisse Kontinuität.

«Einschnitt» ist ein ambivalentes Wort. Obwohl hinter dem Ereignis etwas durchaus Dramatisches, Negatives stecken kann, ist das Resultat oft positiv zu verstehen – und umgekehrt.

Ja, oft auch beides gleichzeitig. Man denke an Schubert und seine berühmten Dur-Einschnitte, die so himmlisch und gleichsam so entsetzlich sein können in der Verheissung des allerletzten Einschnitts. Der Erlkönig wirbt in Dur um das todgeweihte Kind. Oder dann denken wir an Johannes Brahms, der gegen Ende seines Lebens sein frühes H-Dur-Klaviertrio mit der Schere zensiert. Der letzte, abgebrochene Ton der Kunst der Fuge, über der Bach gestorben sein soll!

Ist es also ein Einschnitt, wenn du am Neujahrkonzert die Jazz-Sängerin Lia Pale am Klavier begleitest?

Oh ja, unbedingt! In vielerlei Hinsicht. Es ist mein erster Auftritt als frischgebackener Intendant vor dem Davoser Publikum, als Pianist mit Jazz Standards, im Duo mit Lia Pale und mit diesem für uns von Mathias Rüegg geschriebenen wunderbaren Programm. Wenn ich mich in Davos schon an die Tasten setze, dann soll es auch für mich Neuland sein!

Das heisst, du wirst dich beim Festival selbst als Pianist zurückhalten?

Ja, spielen oder spielen lassen! Der Grund, weshalb ich mich beim Neujahrskonzert selber programmiere ist nur, dass ich in Davos zum ersten Mal in der neuen Funktion auftrete und mir viel daran liegt, als Musiker wahrgenommen zu werden. Reto Bieri musste, als er vor Jahresfrist zum ersten Mal als Klarinettist in Davos auftrat, von einer beglückten Konzertbesucherin hören, sie hätte ja gar nicht gewusst, dass er auch Musiker sei!

Was reizt dich daran, Lia Pale zu begleiten, die zu hören ein wirklich besonderes Erlebnis ist, wie ich bestätigen kann?

Eben: Neuland zu betreten. Aus mir wird wohl nie ein Jazz-Pianist, aber es ist enorm interessant, im Verbund mit Lia und Mathias nach Synergien aus unseren doch sehr gegensätzlichen Klangwelten zu suchen, nach Ausdrucksmitteln, die unsere komplementären Musikstile auf den grösstmöglichen Nenner bringen.

Was ist anders, wenn man amerikanische Standards spielt als Schubert- oder Strauss-Lieder?

Es ist allein die musikalische Sprache. Egal, ob Ständchen von Schubert oder Cry Me a River von Hamilton: Der poetische Gehalt der Texte, die Liedformen und der Aufbau der Melodien sind wesensverwandt. In rhythmischer und artikulatorischer Hinsicht könnten sich Schubert und Hamilton jedoch kaum stärker unterscheiden. Das ist auch der Grund, weshalb ich leider nie akzentfrei «sprechen» werde, wenn ich Cry Me a River begleite.

Und «mit klassischem Akzent» zu sprechen ärgert dich nicht?

Wenn jemand sehr gut und fliessend englisch spricht, tut ihm sein Akzent doch auch keinen Abbruch, wenn er trotzdem ausdrücken kann, was er möchte.

Fürchtest du die Crossover-Kritik? Oder gar die «geborenen» Jazzer?

Vor den geborenen Jazzern verneige ich mich sowieso. Ich hoffe, dass sie mir nicht übelnehmen, wenn ich ihnen für ein Mal nachzueifern versuche. Und bezüglich «Crossover»: Rüeggs Arrangements sind waschechter Rüegg, ohne die berüchtigten Jazz-Fallen. Und er hat sie mir auf den Leib geschrieben, sodass sie unter meinen Händen stimmig klingen.

Was wird dein Einschnitt in Davos sein? Oder sollte man besser von Zielen sprechen?

Ja, doch eher von Zielen – Einschnitt klingt in diesem Zusammenhang etwas bedrohlich, denn es gilt, mit grösstmöglicher Umsicht zu bewahren, was an diesem Festival so natürlich gewachsen ist und uns definiert. Meine Ideen zielen auf einen verstärkten Erfahrungsaustausch zwischen den Musikern, einen noch profilierteren Diskurs, auch unter verstärkter Einbindung unseres Publikums.

Man muss über Musik also auch sprechen?

Aber ja. Was bringen menschliche Erfahrungen, wenn sie nicht geteilt werden sollen? Wir müssen generell mehr sprechen miteinander – auch über Musik.

Wie könnte diese Publikumseinbindung aussehen?

Sämtliche Proben sind für unser Publikum zugänglich. Wir planen Podiumsgespräche mit den Musikern und unserer Autorin-in-Residence Eva Gesine Baur, die eine eminente Musikkennerin ist. Das Publikum ist herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen. Gehörtes soll resümiert und zu Erwartendes in lockeren Konzerteinführungsgesprächen angesprochen, lustvoll erklärt und mit vielen süffigen Details unterfüttert werden.

Oder dann denken wir an Johannes Brahms, der gegen Ende seines Lebens sein frühes H-Dur-Klaviertrio mit der Schere zensiert.

Wie sieht es mit künstlerischen Veränderungen aus?

Ich plane die Einführung der Mentoren-Idee: Erfahrene Musiker, die sich auf den internationalen Bühnen klingende Namen erworben haben, agieren kammermusikalisch federführend mit unseren Young Artists. Auch ein neues Format «Very Young Artists» ist geplant. Es bietet kammermusikalische Meisterkurse für Kinder und Teenager und somit für uns den ersten Kontakt zu den Young Artists von morgen.

Es bleiben aber einige in den letzten Jahren entstandene Formate bestehen?

Ja, wir werden weiterhin ausschwärmen und die Landschaft von Davos beschallen und erklingen lassen. Offenes Singen, Festivalwanderung, Box und Offene Bühnen sind unverzichtbar und bleiben erhalten. Mit der Akademie können sich junge Musiker wie gehabt für ein volles Stipendium bewerben und mit den Mentoren, den Young Artists und der Camerata wichtige musikalische Erfahrungen sammeln. Programmatisch bleibt ein starker Akzent auf der Pflege der Musik des Zwanzigsten und Einundzwanzigsten Jahrhunderts. Der verspielte Davoser Geist bleibt unsere Signatur. Das heisst: Man kann Dinge ausprobieren, die auch mal scheitern dürfen. Umso schöner, wenn sie gelingen. Und ich bin sicher, dass mehr gelingt als scheitert, wenn motivierte Menschen miteinander musizieren.

Was können erfahrene Musiker, wie sie in 2019 in Davos vermehrt auftreten werden, jungen Musikerinnen und Musikern beibringen?

Ich selber habe am meisten von meinen Kammermusik­partnern gelernt. Ich hoffe, unsere Musiker empfinden das ähnlich. Beim gemeinsamen Musizieren stossen wir in einen Tiefenbereich des menschlichen Austauschs vor. Es liegt also in der Natur der Sache, dass ein wertvoller Erfahrungs- und Wissenstransfer stattfindet, der Entscheidendes bewirken kann, für die jungen Musiker – und für die Mentoren!

Wie lange gilt man als Young Artist? Mit anderen Worten: Wann wird man zum alten Hasen?

Gute Frage! Wie vermeide ich hier das Fettnäpfchen? Die Musiker, die bei uns auftreten, zeigen alle enorm viel Idealismus, sie halten den nunmehr 33-jährigen Davoser Festivalgeist am Leben. Ob sie jetzt älter oder jünger sind als unser Festival selber: Ihre Jugendlichkeit haben sich alle bewahrt, unabhängig davon, was in ihren Lebensläufen steht.

Das bedeutet wohl auch, dass die «Arrivierten» von den noch zu fördernden jungen Musikerinnen und Musikern lernen?

Unbedingt!

Wie publikumsverträglich muss man heutzutage sein? Igor Levit forderte kürzlich in einem Interview die Abschaffung der Programmhefte. Pianist spielt Beethoven reiche, meinte er. Reicht das wirklich? Oder ist das nur eine besondere Art von Starallüre?

Ich kann mir vorstellen, dass die klassischen Programmtexte tatsächlich nicht mehr im gleichen Mass verfangen wie früher. In der Pädagogik kommt man ja auch immer mehr weg vom reinen Frontalunterricht. Wir Menschen wollen nicht belehrt werden, sondern eingebunden in einen lebendigen Diskurs. Wir gehen auch in diese Richtung, und Igor hätte wohl seine Freude daran!

Was erwartest du von einem jungen Musiker, wenn er nach Davos kommt?

Vor allem einen neugierigen, offenen Geist.

Und was denkst du, was sie vom Intendanten Oliver Schnyder erwarten?

Sie möchten sich von mir getragen fühlen, dass ich für sie da bin, sie unterstütze, ihnen helfe, so gut ich kann. Und dass sie sich so vor unserem Publikum in ihrem besten Licht zeigen können.

Alain, jetzt muss ich aber den Spiess umdrehen! Du redigierst nämlich dieses Jahr unser neues Festival-Magazin, das zweimal jährlich erscheinen wird. Für uns ist es ein spezieller Glücksfall, dich als einen der erfolgreichsten Schweizer Autoren für unsere Zwecke gewinnen zu können. Und für mich persönlich ist es ein weiteres Kapitel einer wunderbaren Künstlerfreundschaft. Dich kennengelernt zu haben, war für mich ein ganz spezieller Einschnitt!