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Schnitt


Die Auswirkungen von Einschnitten sind nur selten absehbar. Ariane Grigoteit, Direktorin des Kirchner Museums Davos, schreibt in einem sehr persönlichen Beitrag über die Tragweite von Ernst Ludwig Kirchners Kindheitserinnerungen und -erlebnissen, aber auch über den Einschnitt, den es für sie bedeutete, nach Davos umzusiedeln.

Hier war wirklich einfach alles anders. Obwohl so nah, bedeutete die Reise von Deutschland in die Schweiz eine Zäsur. Hier begegnete ich Menschen, die trotz aller Zurückhaltung aufmerksam grüssten, hier waren Supermärkte sonntags offen. Hier wurde in anderer Währung gezahlt und trotz der gemeinsamen Wurzeln eine andere Sprache gesprochen, ja selbst die Tastatur des Computers war anders gestaltet und ohne «ß». Sogar die Bettwäsche hatte andere Masse. Doch am erstaunlichsten fand ich, dass die Davoser Eichhörnchen eine andere Farbe hatten, ein tiefes Dunkelbraun, als ob die Ländergrenze die deutsche Cognacfarbe in ein warmes dunkles Schokoladenbraun verwandelt hätte. Auf dem Weg zum Ernst Ludwig Kirchner Museum hatte gerade wieder eines dieser Eichhörnchen die Davoser Promenade erfolgreich gequert.

Einschnitte, Zäsuren. Der Künstler, dessentwegen ich hier war, hatte Einschnitte und Zäsuren bereits vor gut hundert Jahren erlebt. Ausgebrannt und medikamentenabhängig war er 1917 erstmals nach Davos gekommen. Hier, im selbstgewählten schweizerischen Exil, würde er die folgenden zwanzig Jahre leben und arbeiten und jede der nun kommenden Zäsuren würde ihm, wie schon zuvor, ganz neue Motive, ja, eine neue Themenwelt erschliessen.

Schnitt. Geboren war er im bayerischen Aschaffenburg. Dem Bahnhof genau gegenüber. Von Beginn an begeisterten ihn dort die Züge, das Ankommen, das Anhalten, das Weiterfahren: «Als Junge sass ich immer am Fenster und zeichnete: Frauen mit Kinderwagen, Bäume, Eisenbahnzüge.» Sogar die Ausflüge vor die Tore des Elternhauses beschrieb er, die ihn als Drei- oder Vierjährigen mit seiner Amme die Kugeleinschläge der Preussen von 1866 oder 1869 entdecken liessen. Möglicherweise sind diese Erinnerungen Kirchners Hang zur «Vordatierung» geschuldet. Belegt jedoch ist, dass der knapp Sechsjährige mit den Eltern die Geburtsstadt in Richtung Frankfurt am Main verliess. Niemals wieder würde er Aschaffenburg sehen. Doch vermutlich war das damals mehr Abenteuer als biographische Zäsur, vielleicht eher eine wie auch immer geartete Kerbe.

Es gibt Zeitwenden, die als Einschnitte offenkundig, in ihren Auswirkungen allerdings lange unabsehbar sind. In diese fällt vielleicht eine andere Kindheitserinnerung, seine «Schauer von Furcht und Verwunderung», wenn er an seinen Kinderwagen zurückdachte – «ich fühle sein Flechtwerk noch heute – (…) an diese gespenstisch grosse Welt». Eine Emotion, die Kirchner später exzessiv und expressiv in seine Bilder transportierte, nervös, roh, hektisch und direkt; offensichtlich früh auf den künstlerischen Durchbruch fixiert und fest entschlossen, als Neuerer in die Geschichte einzugehen.

Ich selbst habe meinen Kinderwagen in ganz anderer Erinnerung. Noch lange wünschte ich mir, gemütlich eingehüllt und geborgen von meinen Eltern durch die Gegend geschoben zu werden. Stattdessen fuhren wir mit der Strassenbahn und besuchten Ernst Ludwig Kirchner im Städel. An der dortigen Kunstakademie hatten meine Eltern studiert, nachdem der Zweite Weltkrieg meine Mutter aus Südindien und meinen Vater aus Ostpreussen nach Frankfurt gespült hatte. Was Flucht und Exil bedeuteten und bedeuten, kann ich noch immer nicht wirklich begreifen. Beim Blick aus dem Fenster scheinen solch existentielle Erfahrungen vielleicht am ehesten mit furchterregenden, tiefen Schluchten vergleichbar.

Doch noch einmal zurück nach Frankfurt. Hier fand 1916 nicht nur eine der ersten Kirchner-Ausstellungen überhaupt statt, das Städel war auch eines der ersten Museen, das bereits 1919 Gemälde von Kirchner erwarb. Seit den Familienbesuchen im Städel war Kirchner also einer meiner ersten Begleiter.

Später, bereits berufstätig, liebte ich eines seiner Gemälde in der Sammlung meines damaligen Arbeitgebers ganz besonders. In dieser Zuneigung gibt es übrigens bis heute keine Zäsur. Auch gilt das Bild noch immer als eines der Hauptwerke Klassischer Moderne.

«Es heisst, jedem Anfang liegt ein Zauber inne. Schliesst sich eine Türe, so öffnet sich eine andere.»

Damals als Bahnhof Königstein in einem Frankfurter Hochhaus und heute als Rhätische Bahn und Dauerleihgabe im Essener Folkwang Museum präsentiert, zeigt es, dass auch Kunstwerke Einschnitte und Veränderungen erleben.

Entstanden ist es 1917 während eines Klinikaufenthalts in Davos, wo Kirchner sich von den Folgen seiner traumatischen Kriegserlebnisse erholte. Quadratisch und von ausdrucksstarker Farbigkeit isoliert der in spitzer Kehre stehende Zug eine männliche Figur von überbordender Natur und dem Dampf der Lok. Eindrucks-

voller könnte Kirchners psychische Situation nicht in ein Bild gefasst werden, sein Versuch, neuen Halt zu finden, sein Aufbruch von Deutschland in die Schweiz.

Es heisst, jedem Anfang liegt ein Zauber inne. Schliesst sich eine Türe, so öffnet sich eine andere. Auch Kirchner bestätigt dies. In der Schweiz griff er ab 1917 Themen auf, die vorher bei ihm nicht anzutreffen waren. Anfangs vor allem Porträts der Menschen, die sich um ihn kümmerten, dann Selbstporträts und schliesslich immer neue Bildmotive, die die unmittelbare Umgebung spiegelten, die Berge, ihre Bewohner, ihre Tiere: ein völlig neuer Kirchner’scher Kosmos entstand.

Dass trotzdem nichts so blieb, wie es war, sollte sich dennoch bald erweisen. Tatsächlich bedeutet Tod eine grösstmögliche, kaum fassbare Zäsur, die sich im Fall Kirchners durch den Selbstmord noch potenzierte. Voller Panik schoss sich der Künstler nicht nur ein Mal, sondern gleich zwei Mal mitten ins Herz.

Davon wusste ich lange nichts. Auch nicht, dass Roman Norbert Ketterer den Künstlernachlass verwaltete und in Davos einen Museumsbau errichten liess, der das Erbe des mittlerweile weltberühmten Künstlers bis heute erfolgreich um den Globus reisen lässt. Auch nichts davon, dass die Architekten Gigon/Guyer der Sammlung, die zunächst im Postgebäude untergebracht war, 1991 einen spektakulären Neubau errichtet hatten, der bis heute richtungsweisend und beispielgebend auf die neue Museumsarchitektur wirkt. Als der mittlerweile schon fünfte Museumsdirektor eine neue Stelle anzutreten gedachte, erreichte mich die Anfrage, ob ich seine Nachfolge antreten wolle. Was für eine Frage, ja, das wollte ich. Doch wieder liessen die Einschnitte nicht lange auf sich warten. Scheinbar in trockenen Tüchern zog der Vorgänger den Stellenwechsel zurück und verlängerte auf unbestimmte Zeit am Kirchner Museum Davos.

Also: Reset. Nicht nur auf der Tastatur. Vielleicht war es gut so. Mit meinem Mann hatte ich bereits hin und her überlegt, wie wir die neue Aufgabe zwischen Frankfurt, Davos und Mecklenburg-Vorpommern, wo er damals arbeitete, organisieren und meistern könnten.

Und dann starb er. Völlig unerwartet brach er auf einer Treppe in Neubrandenburg im Alter von neunundfünfzig Jahren mit einem Herzinfarkt zusammen.

Panta rhei. Wieder änderten sich die Zeiten. Nichts blieb so wie es war. Etwa ein Jahr später erhielt ich erneut einen Anruf des Museums. Die Stelle war wieder vakant. Ob ich noch immer die Nachfolge der Direktion antreten wolle? Ja, vielleicht jetzt erst recht, trotz aller Ängste vor erneuter Änderung und Zäsur. Ein Wechsel, ein Neuanfang in der Schweiz. Dass auch die schlimmsten Einschnitte irgendwann einen Aspekt der Hoffnung offenbaren, dass man daran wachsen kann und sie vielleicht überhaupt erst das Werkzeug zum Wachsen sind, das durfte ich jetzt erfahren.

Manchmal scheint das Glück ein Eichhörnchen zu sein.